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Prüde Freizügigkeit

Veröffentlicht am

Als großes Übel der heutigen Zeit wird, neben dem schwammigen Begriff des “Werteverfalls”, gerne der etwas konkretere der “sexuellen Freizügigkeit” genannt.
Die Omnipräsenz nackter Oberkörper, praller Brüste, gespreizter Beine und allgemein die des Themas Sex in Film, Fernsehen und Presse wird als gefährliche Sexualisierung betrachtet.

Zotige Witze á la Mario Barth sind tatsächlich der Renner, genau wie Fernsehserien im Stil von Sex and the City und Artikel über die Sexskandale der Promis, ob nun in Form von Liebschaften oder kurzzeitig sichtbarer Geschlechtsteile (selbst der Vergewaltigungsvorwurf gegen Dominique Strauss-Kahn verkommt zur in Großbuchstabenen beschrienen SEX-AFFÄRE, als wäre das Nennenswerte daran der Sex und nicht die Gewalttat).
Letzteres kann schneller Ruf und Karriere kosten, als Betrug und Korruption.

Richtig ist, dass diese Entwicklungen äußerst beklagenswert sind. Falsch ist, dass sie mit sexueller Freizügigkeit zu tun haben.
Wenn ein prolliger Comedian in die Welt hinauskräht, dass sich “nichts auf Uschi” reimt, im Fernsehen Frauen (oder “die Mädels”) über Spitznamen für Penisse diskutieren und eine aufblitzende Brustwarze die Welt in Atem hält und sogar den Irakkrieg in den Hintergrund drängt, dann steckt dahinter eine tiefsitzende Prüderie.
Die Beschäftigung mit Sexualität wird als Regelbruch inszeniert. Eine Regel bewusst brechen heißt aber auch, sie zu akzeptieren, was wiederum bedeutet, dass alte Moralvorstellungen durch das oben Genannte nicht zerschlagen, sondern im Gegenteil bestätigt werden.
Die Lacher in Mario Barths Publikum klingen wie von einem Kind, das sich des eigenen Mutes gleichzeitig erfreut und schämt, wenn es ein verbotenes Schimpfwort sagt.

Das Phänomen der “prüden Freizügigkeit” zeigt sich bspw. auch in Katy Perrys Song “I Kissed A Girl“. Er ist keineswegs ein Plädoyer für frei ausgelebte Sexualität, sondern stellt die Verruchtheit durch den Tabubruch dar (“It’s not what good girls do / Not how they should behave”).

Das eigentliche Problem ist also der mediale Zerrspiegel, der die Sexualität, an sich etwas Natürliches, pervertiert.
Zum Beispiel dadurch, dass Nacktheit nahezu untrennbar mit Sexualität verbunden wird. Die Bilder entblößter oder nur leicht verdeckter Körper, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, werden fast ausschließlich in einem sexuellen Kontext dargestellt.
Sich in der Öffentlichkeit nackt zu zeigen wird gleichgestellt mit Exhibitionismus und aufdringlich dargestellter Sexualität, dabei ist der nackte Körper etwas vollkommen Natürliches und nicht zwangsläufig Sexuelles – bestimmte Kleidung (bei Frauen und Männern) kann viel aggressiver Sexualität ausstrahlen.

Bei der Google-Suche nach einem New Yorker Gesetz, laut dem Frauen aus Gründen der Gleichberechtigung mit nacktem Oberkörper U-Bahn fahren dürfen, stößt man auf diverse Webseiten mit Sammlungen kurioser und alberner Gesetze – auch das lässt auf unbewusste, nicht hinterfragte Auffassungen von Sexualmoral schließen.
Ein häufig genanntes Argument gegen besagtes Gesetz ist natürlich, dass eine Frau mit nackten Brüsten Objekt von ihr unerwünschter Begierde werden könnte. Die gesellschaftliche Tabuisierung bestimmter Körperteile führt aber erst zu gesteigertem Interesse oder sogar einer Art Mystifizierung; in Völkern, bei denen Nacktheit als normal gilt, spielen sie eine viel weniger wichtige Rolle.

Auch die Darstellung von Sex, nicht nur von Nacktheit, lässt verzerrte Bilder aufkommen.
Die dargestellten Körper werden immer mehr zu Körpern ohne Körperlichkeit: sie sind steril, künstlich gemacht durch Anabolika, Botox oder auch einfach nur Photoshop.
Zu echtem Sex gehören aber auch Körperbehaarung, Menstruationsblut, Fettpolster, Hautunreinheiten, Geräusche, Gerüche und Geschmäcker. Pornostar Jiz Lee will genau das darstellen und findet sie sich damit vermutlich in der Fetisch-Ecke wieder. Als “normal” gilt nicht das, was vollkommen natürlich ist, sondern ein Hochglanz-Abziehbild von Sexualität.

Besonders der weibliche Körper gilt immernoch als etwas Unsauberes. Weibliche Ejakulation in Pornos wird von Prüfungskommissionen strenger bewertet als männliche. Außerdem werden alle möglichen nicht nur überflüssigen, sondern vor allem gesundheitsschädlichen Produkte für Frauen verkauft, die für eine gründliche Hygiene von Bedeutung sein sollen, wie z.B. Intimwaschlotionen und parfümierte Slipeinlagen. Vaginas riechen eigentlich nicht nach Blümchen, und trotzdem wird Frauen vermittelt, sie seien unnormal, wenn dies bei ihnen nicht der Fall ist.
Auch die Haarentfernung wird bei Frauen enger gesehen. Es ist albern, eine Intimrasur zum antifeministischen Akt zu stilisieren, aber der Zwangscharakter, den diese bei Vielen bekommt, ist beängstigend.

Bei Frauen herrscht häufig große Unsicherheit bezüglich ihres Körpers, hinausgehend über “mein Hintern ist zu fett”. Oft wird der eigene Körper mit Ekel betrachtet. Studien zufolge masturbieren sehr viel weniger Frauen als Männer (oft sicherlich aufgrund von Hemmungen), dabei sollten doch gerade sie, für die es schwieriger ist zum Orgasmus zu kommen, herausfinden was ihnen gefällt. Trotzdem sind viele schon beim Gedanken an Selbstbefriedigung beschämt oder finden die Vorstellung abwegig.
Auch promiskuitives Verhalten und Kleidung, die die Aufmerksamkeit auf körperliche Attribute lenkt, wird bei Frauen viel stärker kritisiert als bei Männern. Ein Mann, der seine Muskeln zur Schau stellt, wird vielleicht belächelt, die Kleidung einer Frau mit tiefen Dekolleté gilt hingegen direkt als moralisch verwerflich.

Und auch die Mystifizierung spielt, wie beim Thema Nacktheit, bei der Sexualität ebenfalls eine Rolle. Jugendzeitschriften sind voll mit Geschichten und Berichten rund um das “Erste Mal”. Die heterosexuelle vaginale Penetration wird hochstilisiert und Sex auf sie reduziert, während die gesamte Bandbreite anderer sexueller Handlungen in den Hintergrund gelangt.
Zusammengefasst unter dem Begriff  “Vorspiel” sollen sie dem Geschlechtsverkehr vorausgehen und stehen dabei nicht für sich selbst.
Ein anderes Beispiel dafür, wie Sexualität verzerrt wird, ist die oft geäußerte Vorstellung, Frauen benutzten Sex, um Männer zu kontrollieren. Sie stellt zum einen Männer als völlig der Triebhaftigkeit unterlegene Wesen dar und vermittelt zum anderen, dass Frauen keinen Spaß an Sex an sich hätten, sondern ihn lediglich für Belohnung und Strafe (durch “Sex-Entzug”) einsetzen würden. Auch in Bezug auf das Thema Vergewaltigung ist das eine gefährliche Idee.

Manche sexuellen Handlungen sind zudem immernoch stark tabuisiert. Während Oralsex mittlweile weitgehend akzeptiert und als “normal” empfunden wird, gelten z.B. anale sexuelle Handlungen oft noch als etwas Abstoßendes und Verwerfliches.

Ein tatsächlich freizügiger Umgang mit Sexualität wäre wünschenswert. Das Problem liegt nicht in der Präsenz von Sexualität, sondern in der verzerrten Darstellung, die sie auf ihre eigentlich natürliche Art als etwas Beschämendes erscheinen lässt und stattdessen in etwas möglichst Künstliches, Stilisiertes verwandelt. Es geht nicht um den Verfall irgendeiner Moral oder den Verlust von “Werten”, sondern darum, dass das menschliche Verhältnis zur Sexualität zunehmend neurotisch und gehemmt wird.
Der Tabubruch ist kein adäquates Mittel, um diese Entwicklungen zu bekämpfen, denn er festigt die Vorstellung von Sexualität als etwas Schamhaftes, Schmutziges nur. Die Regeln müssen neu gemacht werden, es bringt nichts, sie lediglich zu brechen.

18 Antworten »

  1. Ja. Die Macht der Kirche strahlt immer noch aus.

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  2. Auch ein inszenierter Regelbruch ist ein Fortschritt gegenüber der Nichtthematisierung. Etwas als “normal” darzustellen, was eigentlich nicht “normal” ist (nach der durchschnittlichen gesellschaftlichen Vorstellung) kann sogar unwirksamer sein, weil eben die Tabuisierung nicht thematisiert wird.

    Dass Dinge, die mit Schmutz assoziiert werden, als unerotisch angesehn werden, ist ziemlich menschlich, die menschliche Zivilisation beruht geradezu auf den Fortschritten in der Hygiene. Deshalb ist es vollkommen “normal”, dass sich Menschen ein hygienisches Leben ohne “Schmutz” und “schlechte” Gerüche wünschen.

    Damit im Zusammenhang steht auch das Nacktheitstabu. Kleidung kaschiert den höchstpersönlichen Bereich. Wir fühlen uns wohler, wenn wir nicht andauernd darüber nachdenken müssen, wie unser Körper auf andere wirkt. Ein bekleideter Körper ist oft sogar erotischer als plumpe Nacktheit, unabhängig von körperlichen Mängeln.

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  3. Aber wenn eine an sich völlig normale Sache, was Sexualität eben ist, auch als solche behandelt wird, verschwindet das Tabu dadurch. Zusätzlich hilft es sicherlich, die Hintergründe der Tabuisierung zu analysieren. Der inszenierte Regelbruch vertieft aber noch (oft unbewusst) vorhandene Moralvorstellungen (denn zwischen “ich bin anständig, denn ich mache nichts Verbotenes” und “ich bin unanständig, denn ich mache was Verbotenes” besteht im Grunde kein Unterschied). Die Tabuisierung sitzt dadurch noch tiefer, gerade weil sie weniger offensichtlich wird.

    Dass Hygiene zum Fortschritt gehört, ist klar und eigentlich auch gesund. Es geht mir aber darum, dass Hygiene auch zu weit getrieben werden kann und damit zu etwas Ungesundem wird. Als Beispiel, wie schon erwähnt, Intimwaschlotionen und parfümierte Slipanlagen, aber z.B. auch Eltern, die ihre Kinder aus Angst vor Schmutz und Krankheiten nicht mehr im Sandkasten spielen lassen wollen.
    In dem Interview, auf das ich verlinkt habe, war auch Urin erwähnt. Sexualität, die damit zusammenhängt, ist sicherlich nochmal ein komplexes Thema, das man getrennt betrachten kann. Dass Menschen eine Abneigung vor Urin und Fäkalien haben, ist mMn ein Effekt einer Hygiene-Vorstellung, die nicht auf ungesunde Weise übertrieben ist.
    Es muss dabei aber ja nicht um einen Fetisch gehen. Viele Menschen legen z.B. Wert darauf, dass ihre Partner sich vor dem Sex (oder vor Allem Oralsex) gründlich waschen, aus Angst vor minimalen Urinspuren.
    Das halte ich für ungesund, genau wie bspw. den Ekel vor vaginalen Ausflüssen. Daran ist nichts Gesundheitsschädliches und auch nichts Schmutziges, schließlich dienen sie der Selbstreinigung.
    Dass Hygiene wichtig und sinnvoll ist, die Lebenserwartung erhöht und die allgemeine Gesundheit verbessert hat, zweifle ich gar nicht an. Aber es gibt Grenzen. Wo die genau liegen, ist eine schwierige Frage und sollte thematisiert werden. Sie sind aber definitiv überschritten, wenn die Geundheit aus Hygienegründen beschädigt oder der eigene Körper als etwas Ekliges gesehen wird.

    Was das Nacktheitstabu angeht, stellt sich auch wieder eine schwierige Frage, nämlich, in welchen Maßen Schamgefühl nützlich und natürlich ist und ab wann es zum gesellschaftlichen Zwang wird.
    Die Angst vor dem, was andere über den eigenen Körper denken, hängt ja auch davon ab, nach welchen Kriterien er bewertet wird, sprich dem aktuellen Schönheitsideal. So wandelbar und gesellschafts-/kulturabhängig, wie solche Ideale sind, wäre doch auch eine Gesellschaft ohne sie denkbar.
    Dass bestimmte Merkmale als attraktiv wahrgenommen werden, ist natürlich, klar. Aber auch hier geht es wieder um Grenzen. Wenn eine bestimmte Vorstellung zum Maßstab aller wird (und zwar auch noch eine, die in der Natur kaum vorkommt und in der Regel mit künstlichen Mitteln erreicht wird), ist das nicht mehr gesund.

    Was in einem bestimmten Maß natürlich und gesund ist, kann uns, wenn es übertrieben wird, zurückwerfen und ungesund werden.

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  4. Sich einem Thema ironisch anzunähern, halte ich nicht für Tabus vertiefend. (Ironische) Distanz kann sehr nützlich sein, um über schwierige Themen sprechen zu können. Wir reden hier doch auch nicht über (langweilige) Lehrfilme, sondern über die Thematisierung in Unterhaltungsmedien, die zudem nicht öffentlich-rechtlich ausgewogen sind. Da richtet sich die Art der Befassung mit einem Thema selbstverständlich nach der Erwartungshaltung der Zielgruppen. Die Alternative ist dann nicht eine niveauvolle Befassung mit dem Thema, sondern die nachhaltigere Tabuisierung durch Nichtbefassung.

    Was die Vorstellungen zur Hygiene angeht, geht es hier gar nicht um Übertreibungen wie sie durch die Sagrotan-Werbung ausgelöst werden. Es geht schlicht und einfach darum, dass Körperausscheidungen und -gerüche natürlicherweise mit Ekel assoziiert werden, was mit Vernunft herzlich wenig zu tun hat. DAS ist der (menschlich-hygienische) Normalfall. Dass man das auch anders leben kann, ist eine abweichende Option, die aber von der natürlichen Reaktion her nicht sehr naheliegend ist. Mit Ekel auf Fäkalien und assoziierte Körperausscheidungen zu reagieren ist wahrscheinlich sogar im Stammhirn verankert. Es ist schlicht ein biologisches Selbstschutzprogramm.

    Nacktheit ist natürlicherweise mit Schutzlosigkeit assoziiert. Es ist psychologisch sehr naheliegend, dass man sich ohne Kleidung angreifbarer fühlt, nicht nur durch Kritik am eigenen Äußeren. Attraktivität hat viel mit Ästhetik zu tun. Ich glaube sogar, dass es da relativ objektive Maßstäbe gibt und die gegenwärtigen Entwicklungen eine Optimierung der Ästhetik sind. Dass das unnatürlich und ungesund ist, spielt hier keine Rolle, solange es ein entsprechendes Angebot gibt, denn die Nachfrage ist triebhaft und nicht vernunftgesteuert. Dass sich auf diese Art dann gesellschaftliche Maßstäbe herausbilden, ist eine Folge der Massen(medien)gesellschaft.

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  5. Die Alternative muss ja nicht eine tiefschürfende Analyse sein, zumindest tatsächlich nicht in den Unterhaltungsmedien. Es geht darum, dass Sexualität da oft mit einem Knalleffekt daherkommt und ausgestrahlt wird, dass die Beschäftigung mit ihr etwas Verruchtes, manchmal auch Ausgeflipptes, Freches ist; dass man “etwas Verbotenes” macht. Es geht ja nur darum, sie als normales Thema ohne großes Aufsehen zu behandeln.

    Dass ein gewisses Maß an Ekel natürlich ist und solche intuitiven Reaktionen nicht vernunftbasiert sind, ist klar. Es geht aber darum, wie das vorangetrieben und immer weiter gesteigert wird. Das ist dann auch nicht mehr natürlich, sondern gesellschaftlich, und kann deswegen auch eher durch die Vernunft bewertet und analysiert werden.

    Dass Nacktheit mit einem Gefühl der Schutzlosigkeit zu tun hat, möchte ich auch nicht bestreiten. Deswegen sagte ich ja auch, dass es schwer ist zu bewerten, inwieweit Schamgfühl (das sicherlich auch von dieser Unsicherheit stammt) natürlich ist und ab wann Zwang entsteht.
    Eine zentrale Frage, die ich natürlich auch nicht sicher beantworten kann, ist dabei auch, inwieweit solche alten Instikten den Menschen tatsächlich bestimmten oder bestimmen müssen. Die Idee des Menschen als Wesen zwischen Instinkt und Vernunft ist ja nicht neu und hat damit auch zu tun.
    Die “objektiven Maßstäbe” habe ich in meinem Kommentar auch anerkannt, ich sagte ja, dass die Bewertung bestimmter Attribute als attraktiv ebenfalls natürlich ist. Die “Optimierung” dessen ist das, was ich kritisiere, und ich denke nicht, dass sie tatsächlich rein triebhaft ist. In welche Richtung sich so etwas entwickelt ist gesellschaftlich bedingt, und auch wenn eine solche Entwicklung keine bewusste Steuerung ist, denke ich trotzdem, dass eine vernunftbasierte Analyse wichtig und auch möglich ist.

    Mir geht es um die schon erwähnten “Grenzen” (die natürlich schwer zu bestimmen sind) zwischen dem, was Natürlich, also triebhaft und instiktiv, ist und sich dem vernunftbasierten Denken entzieht, und dem, was gesellschaftlich geprägte Konventionen und Moralvorstellungen sind, die sich vernunftgemäß bewerten lassen.

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  6. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Unter anderem “Astra, die Zweite” – die Blogschau

  7. Ich beginne gerade erst mich mit diesen Themen auseinanderzusetzen und ich muss sagen, der Artikel bringt wirklich vieles auf den Punkt, was ich schon lange denke, ich aber so nicht hätte konkretisieren können. Gefällt mir wirklich gut!

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  8. @ sa7yr
    “Was die Vorstellungen zur Hygiene angeht, geht es hier gar nicht um Übertreibungen wie sie durch die Sagrotan-Werbung ausgelöst werden. Es geht schlicht und einfach darum, dass Körperausscheidungen und -gerüche natürlicherweise mit Ekel assoziiert werden, was mit Vernunft herzlich wenig zu tun hat. DAS ist der (menschlich-hygienische) Normalfall. Dass man das auch anders leben kann, ist eine abweichende Option, die aber von der natürlichen Reaktion her nicht sehr naheliegend ist. Mit Ekel auf Fäkalien und assoziierte Körperausscheidungen zu reagieren ist wahrscheinlich sogar im Stammhirn verankert. Es ist schlicht ein biologisches Selbstschutzprogramm.”

    Nein, das stimmt nicht. Ekel ist nicht angeboren und kein im Hirnstamm eingepflanztes biologisches Schutzprogramm. Wenn dies so wäre, gäbe es nicht so viele individuelle Unterschiede beim Ekel. Die einen ekeln sich vor Maden und Heuschrecken. In manchen Kulturen sind sie Delikatessen. Die meisten ekeln sich vor Fäkalien, aber hast du mal kleine Kinder gesehen, wie ungezwungen die sich damit beschäftigen können? Ekel ist nur anerzogen, weil er uns schützt. Weil manche Dinge, die wir als eklig empfinden, eben auch gesundheitlich gefährlich sind. Wir ekeln uns vor verdorbenem Essen, weil es uns krank machen kann. Aber das muß man kleinen Kindern auch erst erklären. Viele ekeln sich vor Blut, Eiter und anderen Körpersekreten, weil es oft unangenehm riecht und Krankheiten übertragen kann. Wie kommt es, dass es Ärzten und Krankenschwestern nicht so geht? Wenn Ekel so tief biologisch verankert wäre, könnte er nicht so einfach überwunden werden.

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    • Ich denke es gibt die Neigung dazu, einen Ekel gegen Dinge zu entwickeln, die mit Körpersekreten im Zusammenhang stehen, ich bin auch ziemlich sicher, dass es dafür eine tiefliegende Veranlagung gibt. Dass kleine Kinder dort “vorurteilsfreier” sind, kann auch schlicht daran liegen, dass die entsprechenden Assoziationen noch nicht gebahnt sind, obwohl sie bereits prädisponiert sind. Viele “natürliche” Fähigkeiten werden erst durch Differenzierung beim Lernen (voll) entwickelt. Nach der Geburt können Säuglinge etwa bei weitem ihre Umgebung noch nicht so gut visuell erfassen wie im Alter von zum Beispiel 7 Jahren. Dennoch ist die Fähigkeit, die Umgebung so differenziert zu erfassen, bereits bei der Geburt angelegt und bereit, durch Übung und Gebrauch auszureifen. Und wie jede durch Lernen ausdifferenzierte Fähigkeit kann auch Ekel in gewissen Grenzen, die individuell verschieden sein mögen (ein Hinweis auf genetische Disposition), wieder “verlernt” werden. Aber völlig unabhängig davon ist es auch unter keinem denkbaren Gesichtspunkt wünschenswert, den Umgang mit menschlicher Scheiße zu enttabuisieren, nur damit ein paar Leute, die sich sonst wegen ihrer sexuellen Vorlieben diffus diskriminiert fühlen, ein bisschen besser fühlen können. Ich möchte auch nicht an fremder Scheiße teilhaben.

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      • @ sa7yr

        Ich geb dir mal einen Link, vielleicht glaubst du dem ja mehr als mir.

        http://www.netdoktor.de/Gesund-Leben/Sex+Partnerschaft/Gefuehle/Ekel-und-Aversion-1155.html

        Darin wird deutlich erklärt, dass Ekel keine Veranlagung, sondern gesellschaftlich genormt ist. Dass wir Ekel als so tiefsitzend empfinden, dass wir meinen, es sei biologisch und angeboren, liegt schlicht daran, dass uns schon im Kleinkindalter beigebracht bekommen, was bääh ist und keinerlei Erinnerung und damit keine Vorstellung davon haben, dass das mal anders gewesen sein könnte. Da ist aber nichts “prädisponiert”.

      • Es geht mir in meinem Text gar nicht darum, dass Ekel vor Fäkalien grundsätzlich verwerflich wäre. Ich empfinde ihn ja selbst und sehe auch, warum das aus gesundheitlichen Gründen sinnig ist. Um zu akzeptieren, dass manche Menschen ihn nicht haben bzw. daran unter gewissen Umständen etwas Erotisches finden, muss man ihn gar nicht ablegen.
        Mir geht es darum, dass der Ekel vor Fäkalien krankhaft bzw. zwanghaft werden kann. Dass man sie meidet, ist noch nichts Krankhaftes. Es geht mir um Menschen, die sich bei der bloßen Vorstellung, am Körper könnten noch minimal Spuren von Fäkalien oder Urin sein, ekeln und damit in eine Hygiene-Hysterie verfallen.

    • @onyx Hast du fein gemacht. Aber du hast den Text leider nicht verstanden. Da ist von krankhaftem Ekel gegen den eigenen Körper die Rede, nicht nur von normalem Ekel gegen Fäkalien. Übrigens standen meine Eltern bei meinen ersten sexuellen Erfahrungen nicht daneben und haben mir gesagt, was daran ich eklig finden soll und was nicht. Das habe ich für mich ganz allein entschieden. Weiß nicht wie das bei dir war, interessiert mich aber auch nicht.

      Kommentar
      • Du hast davon geredet, dass Ekel genetisch disponiert ist und das ist er eben nicht. Das ist im Artikel auch deutlich erklärt, da ist nicht nur von krankhaftem Ekel die Rede. Deine sexuellen Präferenzen sind dabei auch nicht von Belang.

  9. santa francesca

    Klasse Überblick! In etliche dieser Fallen bin ich in der Anfangsphase meiner Aktivität auf sexuellem Gebiet auch getappt (“hurra, ich bin jetzt endlich verrucht”). ich würde noch eine kleine Änderung vorschlagen – für Frauen ist es nicht unbedingt grundsätzlich schwieriger, zum Orgasmus zu kommen, sondern nur durch die sozial auferlegten größeren Hemmungen und innerhalb der eng gesteckten Grenzen dessen, was als “echter Sex” gilt, nämlich PiV-Verkehr; auch das ein Ausdruck von Prüderie und Reglementierung! Wäre Sex anders definiert, hätten womöglich eher Männer Orgasmusschwierigkeiten…

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    • Vielen Dank für das Lob!
      Hm, das stimmt, die Vorstellung, Frauen hätten es schwerer zum Orgasmus zu kommen, hat sicher damit zu tun, das hab ich ehrlich gesagt beim Schreiben gar nicht weiter bedacht. Und es hat wahrscheinlich auch gerade damit zu tun, dass Frauen seltener masturbieren (und auch in einem späteren Alter damit anfangen), als Männer und dadurch den eigenen Körper weniger kennenlernen.

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  10. Pingback: Brushedthewrongway « suki – voller Eigensinn und Unart, mutwillig wie ein Kind..

  11. Wenn man Themen wie die Sexualität und das geschlechtsspezifische Verhalten des Menschen thematisiert finde ich es generell wichtig die Situation im gesamten Tierrreich, insbesondere bei eng verwandten Spezies näher zu beleuchten. Denn der Mensch ist meiner Meinung nur bedingt als gesondertes Objekt unter den Lebewesen zu betrachten.
    Sicher ist der menschliche Verstand ein hervorstechendes Kriterium. Immer wieder beschäftigt mich aber die Frage (sicher auch im Zusammenhang mit meinem Studium) in wie weit sich dieser Verstand überhaupt von mechanistischen Verhaltensweisen abkoppeln lässt?
    Auf der anderen Seite scheint mir die Menschheit seit Entwicklung ihres “höheren Geistes” bemüht eben jenen unter Beweis zu stellen und sich bewusst von “animalischen” Verhaltensweisen abzugrenzen.
    Das Dilemma ist das folgende: Entscheiden wir uns zu Gunsten des Einen vernachlässigen wir jenes was gemeinhin als Natürlichkeit gilt und unterwerfen uns einem künstlich auferlegten Zwang, den gesellschaftliche Restriktionen. Lassen wir aber der Natur ihren freien Lauf, so würden auch zahlreiche “negative” Eigenschaften der Tierwelt (verstärkt) zu Tage treten. So kann man diese mitnichten als gleichberechtigt bezeichnen, sie ist im höchsten Maße sexuell. So ist es im Sinne von Kosten/Nutzen-Faktoren z.B. sinnvoll dass Weibchen die Partnerwahl betreiben (ihr Investment in den Nachwuchs ist weit höher) und Männchen untereinander in Konkurrenz treten – dies ist nicht bei allen Arten so, aber bei der Mehrzahl der Vertebraten anzutreffen. Bei Primaten wiederum ist Gruppen u. Rudelbildung üblich (mit dominanten Männchen in oberster Rangordnung). Nun kann man mitnichten behaupten dass Weibchen aufgrund dieser Tatsache zu Sexualobjekten degradiert werden (müssen).
    Es scheint dem Menschen in seiner überwiegenden Mehrheit aber nicht möglich sich effektiv von den (durchaus funktionellen) Mustern seiner Urahnen zu lösen. Balzende Männer sieht man im Grunde täglich, viele Frauen dagegen drängen sich selbst in eine eher passive Rolle, betreiben aber Partnerwahl. Die Umkehrung wäre folglich: Männer betonen ihr Äußeres verstärkt und räkeln sich neben Rapperinnen in Musikvideos, dahingegen wären es Frauen die ihnen hinterherpfeifen und auf den Hintern klatschen würden… derartiges könnte man in den wenigen matriarchal geprägten Kulturen der Erde mitunter antreffen (natürlich in gemäßigter Form), es ist allerdings eine Randerscheinung, gleich einer rein statistischen Abweichung.
    Nun also zu meinem “Liebling” Mario Barth: Der Mann ist im Grunde der Prototyp eines Primaten der seine natürlichen Mechanismen als etwas funktionsloses verklärt. Konsequenter wäre mit geschwellter Brust und wild schnaufend nach einem Weibchen zu suchen und sich dann völlig ungeniert mit ihr zu paaren, es zu treiben, am besten so dass es auch wirklich jeder mitbekommt.
    Nun muss ich sagen dass ich diesbezühglich die “Herrschaft der Vernunft” unseren althergebrachten Eigenarten vorziehe. Unsere durchaus komplexen Gedankengänge entbinden uns prinzipiell davon das Höchste aller Dinge im eigenen Paarungs- und Reproduktionserfolg sehen zu müssen. Aber ist das auch völlig möglich?
    Und müssen wir uns folglich nicht auch von anderen, “primitiven”, Dingen distanzieren?
    Wenn es wirklich sinnvoll ist: Ja.
    Nun ist es aber z.B. bei der Kleidung so dass sie genau das ausdrückt was sie ja eigentlich unterbinden soll: Sexualität.
    Ebenso wahnwitzig wäre es aber Sexualität zu unterdrücken, sie ist schließlich ein unstillbares Bedürfnis des Menschen…
    Nun, ich finde es schwer eine erhellende Lösung dieser Problematik zu finden. Ich denke aber ein ungezwungener Umgang miteinander und das Eingeständnis an die eigene Natur (die nicht einer Kapitulation gleichkommen sollte), sind zumindest erste Schritte.

    Das war jetzt etwas ausschweifender als geplant.

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  12. Ein Toller Artikel, ich würde die meisten Punkte sofort unterschreiben.

    “Ein Mann, der seine Muskeln zur Schau stellt, wird vielleicht belächelt, die Kleidung einer Frau mit tiefen Dekolleté gilt hingegen direkt als moralisch verwerflich.”

    Diesen Satz allerdings nicht. Zweiteres ist zur völligen Normalität geworden.

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